Wenn die Kulisse des Alltags zu wanken beginnt

Von Sonja |
31. Oktober 2026 |
Sonnenuntergang am Meer

Krisen gibt es viele. Die eigentliche und grundlegende Krise, die unsere Alltagswelt erschüttert, ist jene der Sterblichkeit. Doch gerade sie verhilft uns zu einer Neugeburt.

Was allererst not tut, ist schweigend und verstehend durch die Nacht zu gehen.

Ein Gastbeitrag von Rolf Gregor Himmelroth

Rolf Gregor Himmelroth

Wer begehrt ihn nicht, den sicheren Boden, den festen Tritt. Ohne ein Mindestmaß an Grundvertrauen könnten wir keinen einzigen Schritt in die Welt tun, nicht einmal vom Bett in die Küche. Es könnte einem ja die Decke auf den Kopf fallen. Wir verlassen uns. Wir lassen uns. Wir gehen. Manchmal prüfen wir: Hält der Boden, was er verspricht? Wir tasten. Wir fühlen. Wir atmen auf. Er hält.

Wir gehen weiter.

Und doch. Nicht immer hat der Boden die Festigkeit und Dichte, die wir uns von ihm wünschen. Er hat Risse bekommen. Nicht nur der Boden. Der Alltag, in dem wir so wohlig gebettet waren, hat seine bergende Selbstverständlichkeit verloren. Ein Zug von Bitterkeit hat in ihm Einzug gehalten. Ein kalter Hauch Bedeutungslosigkeit. Manchmal schleichend. Und schlagartig, wenn ein Schicksalsschlag uns getroffen hat. Wenn es kein Schlag war, dann zumindest ein Stoß, ein Anstoß. Wir wanken. Plötzlich ist der Alltag nicht mehr so alltäglich. Er ist unsicher geworden. Porös. Die ganze Welt war er gewesen, jetzt erscheint er uns als Theaterkulisse.

Und dann erfahren wir Endlichkeit, Vergänglichkeit, Sterblichkeit. In unsere Seele zieht das unheimliche und unheimische Wissen: Unser Dasein hat ein Ende! Es ist begrenzt! Es läuft unwiderruflich einem Ende entgegen.

„Mitten im Leben sind wir im Tod.“

Der lateinische Urtext, wurde lange dem mittelalterlichen Mönch Notger, dem Stammler, zugeschrieben. Jahrhunderte später wurde daraus das Kirchenlied „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.“ Johann Sebastian Bach machte einen vierstimmigen Choral daraus.

Der Theatervorhang fällt. Die Bühne, auf der wir uns so sicher bewegt haben, wird geschlossen. Die Rollen, die wir gespielt haben, fallen ab von uns wie alte abgetragene Gewänder. 

Was bleibt? 

„So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch.“

So heißt es im Lied Der Mond ist aufgegangen von Matthias Claudius. Nicht nur die eigene Sterblichkeit kommt einem nahe, sondern auch, ja viel mehr noch: der Tod geliebter Menschen. Wo bleibt das Ich, wenn das Du abhanden gekommen ist? Da entstehen Risse im Herzen. Mehr noch: Löcher. Ob aus ihnen, ja, gerade aus ihnen, die Ewigkeit uns entgegentritt? Ein warmer Morgenhauch? 

Möge es so sein.

Was wunder, wenn diese tiefe und fundamentale Erfahrung der Sterblichkeit, der Endlichkeit (und dadurch – vorerst indirekt – der Ewigkeit) zu einer Krise führt. Einer Krise, auf die vermutlich alle anderen zurückzuführen sind. Denn Krisen haben wir allerorten. Wir kriegen die Krise. Krisen in der Welt. Krisen in der Seele. Es „kriselt“ im Job, in der Familie, im Staat, in der Gemeinde. Manche Krisen lauern geradezu hinter der nächsten Ecke. Andere in den vergessenen Falten unserer Seele. Aber die eigentliche Krise ist die Sterblichkeit, das Nicht-Sein und Nicht-mehr-Sein. Selbst wenn dem gläubigen Menschen hinter dem Schleier des Irdischen ein überirdisches Licht entgegenleuchtet, diese Erfahrung bleibt auch ihm nicht erspart.

Und das ist gut so!

Aber was ist das eigentlich: eine Krise? Das Wort leitet sich von dem griechischen Wort krī́nein (κρίνειν) ab. Das bedeutet so viel wie „scheiden“, „trennen“, „entscheiden“ oder „urteilen“. Im antiken Griechenland beschrieb das Wort einen entscheidenden Augenblick, in dem eine Trennung (oder ein Richterspruch) erfolgt.

Da möchte man weiterdenken. Was scheidet und trennt sich? Von welcher „Entscheidung“ könnte hier die Rede sein? 

In meinem Verständnis und nach meiner Erfahrung ist Krise zwar ein bitterer, aber heilsamer Trank – unter der Voraussetzung, daß sie, die Krise, verstanden und durchgehalten wird. Krise läßt sich nicht schönreden. Krise ist Krise und kein Ponyhof. Aber worin liegt ihr Heilsames? Was soll heilsam daran sein, daß einem im Alltag der Alltag wegbricht. Ich sehe im „Scheiden“ und in der „Entscheidung“ wohl Gewichtiges. 

Was könnte sich wovon scheiden? Vielleicht das Bedeutsame vom Bedeutungslosen. Das Wichtige vom Unwichtigen. Das Wesentliche vom Unwesentlichen. 

„Mensch, werde wesentlich“, rief uns der schlesische Lyriker und Mystiker Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert zu. 

Und sind wir nicht oft im Unwesentlichen wie in einem Kokon gefangen? Oder um das Bild von vorhin aufzugreifen: Kann es nicht passieren, daß sich der allzu selbstverständliche Alltag verfestigt hat – zum goldenen oder zumindest zum silbernen Käfig geworden ist, vielleicht auch zu einer betonierten Gefängniszelle? Und dann kommt die Krise. Was einen jahrzehntelang geborgen hat, was einem Sicherheit und Selbstverständnis gegeben hat, ist brüchig geworden. Mag dies durch einen rätselhaften Riß in der Seele geschehen sein oder durch ein äußeres Ereignis. 

Was uns einst Halt gegeben hat, trägt nicht mehr.

Ist dann die Welt noch im selben Licht zu sehen? Sie mag sich verdunkeln für eine Zeit. Es mag finster werden um und in uns. Dann beginnt die Zeit des Ausharrens, Aushaltens, Durchhaltens. Aber nicht nur das. Sondern auch die Zeit des Aufschauens, des Nach-dem-Himmel-Blickens. Kommt da nicht das ewige Blau zwischen schwarzen Wolkentürmen entgegen? 

Die Nacht ist die Nacht, aber ist nicht gerade sie es, die den Tag gebiert?

Krisen geschehen, sie ereignen sich. Wir können sie nicht künstlich herbeiführen. Sie kommen und manchmal überkommen sie uns. Die Kulisse des Alltag wird spröde und beginnt zu wanken. Jetzt kommt die Phase des Scheidens. Ein altes Leben vergeht. Es kommt die Phase der Entscheidung. Wir dürfen uns entscheiden. Mehr denn je.

Wofür? 

Gerade durch die Erfahrung der Endlichkeit und Sterblichkeit wird vieles bedeutungslos, was Bedeutung gehabt hat. 

Nochmals Angelus Silesius:

„Mensch, werde wesentlich;

denn wenn die Welt vergeht,

So fällt der Zufall weg, das

Wesen, das besteht.“

Es bleibt also doch etwas bestehen. Ein Trost? „Oh, ja, ein Trost. Wir wollen Trost.“ Und doch: Zu schnell sollten wir uns nicht über eine Krise hinwegtrösten, damit die Frucht der Krise wirklich Zeit genug hat, im Schoß der Nacht heranzuwachsen, das Licht. 

„Die Liebe ist nicht Trost, sie ist Licht.“

Ein Wort klarer Schärfe von Simone Weil, einer französischen Mystikerin und Philosophin. 

Also was ist das Wesen, das besteht? Etwas, das man in den geistigen Besitz nimmt? „Lieber Gott, darf ich dich für das Gleichgewicht meines Seelenhaushalts in Anspruch nehmen? Darf ich mich mit dir bereichern?“ 

Nein, bitte nicht. Das geht gewiß schief. Mit dieser Haltung der geistigen Selbstbereicherung kommen wir auf die schiefe Bahn, auf der wir erst recht unseren Halt verlieren und ausrutschen. In der Heiligen Schrift steht außerdem genau das Gegenteil: geistig arm sollen wir werden. Gott bereichert uns, gewiß, aber nicht auf Zuruf und nicht, wie es uns gerade in den Kram paßt (Dein Wille geschehe!). 

Das Wesen. Es ist unverfügbares Geheimnis, es ist nicht festzustellen, festzumachen. Es ist ein Mysterium, ein Ereignis, etwas, das uns anweht. Ein warmer Morgenhauch, wenn die Nacht vorübergeht. Ein erster Glanz hinter dem Ge-birg des Schweigens, auf dem wir ruhen, nachdem uns die alten Worte ausgegangen sind.

Wir lassen uns. Wir verlassen uns. Bereit für einen Neuanfang. Auch mitten im Leben. 

Was ist das Wesen? 

Und wer ist ER, der uns allererst wesenhaft sein läßt? 

Bleiben wir in dieser Frage meditierend, stille, lauschend, ohne allzu rasch eine Antwort aus dem Hut zu zaubern. Nehmen wir stattdessen unsere Hüte ab, mit denen wir unsere bangen Köpfe bedeckten und werfen sie in das Feuer der Verwandlung. Ach, Worte sind schnell geschrieben und gesprochen. Auch diese hier! 

Harren wir aus für einen Augenblick in dieser nächtlichen Leere der Nicht-Antwort, in einer Leere, die auch ein kleines Sterben bedeutet, harren wir aus, halten wir aus dieses Nicht-Gewicht, dann … ja dann …

Möge diese nächtliche Leere, die uns eine Krise bringen mag, möge sie, so wir geduldig und demütig sind, sich erhellen von einem unvergänglichen Glanz, möge das ewige Wort in ihr ertönen und uns erfüllen. Möge die Krise aus- und durchgestanden werden, damit wir durch sie neu geboren werden. 

So Gott will!

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