16. August 2023

Von Ruben Weyringer

Ein Walder Pfarrer wird Wahrer des Ungarischen Kronschatzes

Kaum zu glauben: Ein Pfarrer aus Wald im Pinzgau versteckte 1945 den ungarischen Kronschatz in seinem Pfarrhof in Mattsee. Da möchte ich in Abwandlung eines Prophetenwortes ausrufen:

„Und Du, Wald im Gebiet vom Pinzgau, bist keineswegs die unbedeutendste unter den Dörfern im Innergebirge…“

Am heutigen Gedenktag des Heiligen Stephan I. von Ungarn ( 16. August) möchte ich diese spannende aber bei uns weitgehend unbekannte Begebenheit beschreiben.

 Ohne Heiligem Stephan keine Stephanskrone, daher das wichtigste Zuerst: Das Tagesgebet des Heiligen:

 

Allmächtiger Gott,

du hast den heiligen König Stephan berufen,

das ungarische Volk

zum christlichen Glauben zu führen.

Lass uns erfahren,

dass er seinem Volk und uns allen

vom Himmel her ein mächtiger Helfer ist.

Darum bitten wir durch Jesus Christus unsern Herrn.

Amen

Kanonikus Anton Strasser wird zum Wahrer des ungarischen Kronschatzes

Kanonikus Anton Strasser aus Wald im Pinzgau wurde am 16. 10. 1876 in Wald geboren, am 14.7.1901 zum Priester geweiht und verstarb am 14.6. 1958 in Mattsee. Dort war der „Jerusalempilger“ – so wird auf seinem Sterbebild (siehe ganz unten) extra angemerkt –   33 Jahre Pfarrer und u.a. auch Ehrenbürger.

Wie kam es nun dazu, dass er zum Verwahrer des Schatzes der Ungarn wurde, dass er die Hand des Hl. Stephanus in einer kleinen Kiste, den Krönungsmantel im Bett, historische Dokument im Pfarrheim, Krönungsgeschirr und Besteck in der Holzhütte versteckte?

Ich möchte dazu aus einem Buch zitieren, in dem ich das erste Mal auf die Verbindung Wald/Anton Strasser und Ungarischen Kronschatz stieß. Ganz passend heißt es: Schätze – vergraben, versunken, gefunden (Thea Leitner, Ueberreuter 1985). 

 

Detaillierter wird die Geschichte in den Mattseer Geschichtsblättern vom Dezember 2022 beschrieben, aus denen weiter unten zitiert wird. Zunächst aus dem Schätze Buch:

Die Sephanskrone,Von granada_turnier – Hungarian Parliament 002, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18051027

„Die nächste Kapelle müßte eigentlich auf der sogenannten Untersee-Anhöhe im salzburgischen Mattsee stehen, wo die Krone 1945 für ein paar Monate in der kühlen Erde ruhte. Höchstpersönlich vergraben vom obersten Chef der Kronwache, Oberst Padjas, der sie weder nationalsozialistisch gesinnten Ungarn noch den Amerikanern in die Hände fallen lassen wollte. Und das kam so: Zu Kriegsende flüchteten viele ungarische Soldaten sowie auch die gesamte – nazifreundliche – Regierung des Landes nach Österreich.

 

Mit Riesengepäck und beachtlichem Begleittroß landete Regierungschef Ferenc Szalasi in dem idyllischen Bade- und Wallfahrtsort Mattsee. Mit großem Pomp ließ er sich im Wirbel der letzten Kriegstage in Mattsee trauen. Den biederen Dorfbewohnern fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie einen Blick auf die Festtafel der Hochzeitsgesellschaft warfen: Man speiste mit Selber- und Goldbestecken von Silberplatten und Goldtellern des ungarischen Kronschatzes.

 

Das Tafelgeschirr fiel den Amerikanern beim Einmarsch sofort in die Hände. Wo aber waren die Insignien des ungarischen Königtums? Wo die sagenumwobenen Stephanskrone? Endlich fan sich die Spur einer Kiste, in welcher angeblich Krone, Zepter, Reichsapfel und Ungarns kostbarste Reliquie, die Hand des heiligen Stephan, liegen sollten. Oberst Padjas hatte sie den Herz-Jesu-Missionaren [Anmerkung: einen Bezug zu den Herz Jesu Missionaren finde ich sonst nicht] zur Aufbewahrung gegeben. Aus unerfindlichen Gründe wurde die Truhe erst Wochen später geöffnet, und es lange Gesichter – sie war leer! [Anmerkung: Die Gründe dafür sind in den Mattseer Stiftsblättern Dezember 2022 angegeben: Die Schlüssel fehlten]

Dann wurde beim Pfarrer von Mattsee, Anton Strasser, eine weitere Kiste entdeck. Sie enthielt zwar die Hand des ungarischen Nationalheiligen, die Krone enthielt sie nicht. Die Amerikaner fahndeten unverdrossen weiter. Endlich fanden sie- nein, noch immer nicht die Krone, aber immerhin den obersten Kronwächter, Oberst Padjas. Er behauptete, nichts zu wissen. Aber genau wie in Nürnberg wurde auch diesmal einem starrköpfigen Mann sein Geheimnis entlockt.

 

Schließlich gab Padjas das Versteck der Stephanskrone preis, die er eigenhändig vergraben hatte. Das Heiligtum ruhte friedlich und unversehrt in einem alten Kanister auf der Untersee-Anhöhe.“

(Thea Leitner, Schätze – vergraben, versunken, gefunden S. 26f)

Fundiert und Detailreich wird das Schicksal des Ungarischen Kronschatzes in Mattsee und die Rolle Pfarrer Strassers in den Mattseer Stiftsblättern beschrieben. Dort sind auch drei sehr schöne Fotos von Pfarrer Strasser mit den Amerikanischen Soldaten und der Reliquienkiste zu finden. Hier einige Ausschnitte aus dem spannenden Bericht von Prof. Gernod Fuchs.

Bild rechts: Die unverweste Hand des Hl. Stephan

Von Farkasven – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12655760

„Pfarrer Strassers „heilige Hand“

Dieser [der Militär-Nachrichtendienst DIC] hatte den Auftrag ungarische Kriegsverbrecher aufzuspüren. Der Kommandant dieses Trupps, der US-Leutnant James W. Shea, verhörte an einem unbekannten Ort, vermutlich in Tirol, ungarische Staatsangehörige. Bei zwei Köchen des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Szàlasi wurde er fündig. Leutnant Sheas Neugier wurde geweckt, nachdem die Köche von geheimnisvollen Vorgängen um den Pfarrer von Mattsee gesprochen hatten.

 

Shea fuhr ohne Genehmigung mit seinem Trupp nach Mattsee, also in den Befehlsbereich fremder US-Truppen. […]. Der Stiftspfarrer von Mattsee, Anton Strasser, gab nach einigem Zögern zu, dass er von den Ungarn verschiedene Gegenstände in Verwahrung genommen hatte, dass er diese aber nicht den Amerikanern geben dürfe. Sie seien religiöser Natur und dürften nur dem Vatikan oder dem Hause Habsburg ausgehändigt werden. Unter Nachdruck übergab der Pfarrer schließlich doch alle von den Ungarn erhaltenen Gegenstände an Leutnant Shea.

 

Die heilige Hand war in einer kleinen Kiste verwahrt, der Kröungsmantel war im Bett getarnt gewesen und die Ledermappe mit den historischen Dokumenten war ebenfalls im Pfarrhaus. Das Krönungsgeschirr und Besteck waren in einer Holzhütte, der „Bindhütte“, die heute nicht mehr existiert, in der Nähe verwahrt. […]

 

Oberstleutnant Lewis erkannte ebenfalls sofort die Wichtigkeit dieser Angelegenheit und befahl, dass die heilige Hand am Altar der Stiftskirche und die anderen aufgefundenen Gegenstände in der Kirche gesichert aufbewahrt werden sollten. Dazu stellte er seine eigenen Artillerie-Soldaten als Bewachung ab. Lewis und Leutnant Shea fuhren anschließend nach Salzburg, um der US-Militärregierung Bericht zu erstatten. […]

 

Mit ihnen kam der Fürsterzbischof von Salzburg, Dr. Andreas Rohracher, sowie dessen Sekretär Johannes Schreiber. Die heilige Hand lag am Hauptaltar, daneben hatten zwei US Soldaten mit Gewehr als Ehrenposten Aufstellung genommen. Es wurde eine kurze Andacht gehalten und die wiedergefundenen Schätze feierlich aufgeteilt: Fürsterzbischof Rohracher übernahm die heilige Hand, den Krönungsmantel und die Mappe mit den historischen Dokumenten. Der Leiter der US-Vermögensverwaltung übernahm das kunsthistorisch wertvolle Krönungsgeschirr mit Tafelbesteck, es wird auch als silbernes Tafelgeschirr bezeichnet. Anschließend wurde im Pfarrhof des Stiftes ein schriftliches Protokoll verfasst, indem alle Beteiligten ihre Unterschrift leisteten.“

 

(Prof. Gernod Fuchs in: Mattseer Stiftsblätter – Dezember 2022 Heruasgegeben vom Verein der Freunde des Stiftes Mattsee – www.stifmattsee.at Jahrgang 2022)

So weit zu dieser spannenden Begebenheit die zeigt, wie schnell ein kleiner, abgelegener Ort für die große Weltgeschichte bedeutend werden kann. Keiner ist zu klein um nicht wichtig zu sein…

Hier noch das Sterbebild von Anton Strasser, eines Priestersohnes der Pfarre Wald im Pinzgau: 

+

Gedenket im hl. Meßopfer und im Gebete

des Hochwürdigen Herrn

Anton Strasser

tit. eb. Konistorialrat, Kapitular-Kanonikus des Ins. Kollegiatsstiftes Mattsee bei Salzburg

Jubelpriester, Jerusalempilger, Ehrenbürger der Gemeinde Mattsee

Priesterweihe 1901, Kooperator 1902-1915 in Mittersill und Gnigl, Kapitular in Mattsee 1915-1958, Stiftspfarrer 1922-1949

Am 14. Juni 1958 rief ihn der ewige Hohepriester nach Empfang der heiligen Sterbesakramente zur himmlischen Belohnung. Er war ein Vorbild im Leben, voll Seeleneifer in seinem edlen priesterlichen Wirken.

Jesus, Lamm Gottes, gib ihm die ewige Ruhe!

„Sei getreu bis in den Tod, ich will dir die Krone des Lebens geben.“

(Worte der Herrn, Offenbarung 2,10)

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