Wenn wir über das Thema „tätige Nächstenliebe“ nachdenken, haben wir vielleicht konkrete Situationen im Kopf, wo ein guter Wille, ein offenes Herz und die entschiedene Tat eines Menschen einen Unterschied gemacht haben.
Wenn uns ehrliche Liebe zu guten Handlungen anspornt, entsteht ein gottgewollter Unterschied, weil es dem Wesen Gottes entspricht, auch durch das gutwillige Wort oder Werk von Menschen zu lieben, zu handeln und sogar zu heilen.
Gottes Liebe zu uns Menschen und zur ganzen Schöpfung können wir in vielen Formen wahrnehmen.
Die gesamte Schöpfung ist ursprünglich unüberbietbar sinn- und zielgerichtet und leidet nur durch das Fehlverhalten jener Menschen, die ihre Freiheit mit Blick auf die Schöpfungsverantwortung missbrauchen. Gott hat den Menschen ursprünglich aus Liebe nach seinem Abbild erschaffen und ihm seinen Geist eingehaucht:
„Da formte Gott, der Herr, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7)
Im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther offenbart sich die unvergleichliche Würde, die in allen Menschen steckt, die an den dreifaltigen Gott glauben:
„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst.“ (1 Kor 6,19)
Das Wesen Gottes ist die Liebe (1 Joh 4,16) und Liebe ereignet sich zwischen Personen. Vater, Sohn und Heiliger Geist befinden sich in einem ewigen Liebesaustausch und wir Menschen sind in dieses Beziehungsgeschehen mit hineingenommen, wenn wir diese Würde erkennen, freiwillig annehmen und daraus handeln. Genau aus diesem Grund gehören wir uns als Christen nicht selbst. Unsere Lebensaufgabe ist in erster Linie keine Selbstverwirklichung, denn wir sind in der göttlichen Schöpfungsordnung auf beständige Beziehung angelegt.
Im Johannesevangelium spricht Jesus unmissverständlich:
„Wer mich liebt, hält meine Gebote.“ (Joh 14,15)
Jesus hat die zehn Gebote des alten Bundes im neuen Bund in zwei Gebote zusammengefasst und konkretisiert, nämlich im Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Hier zeigt sich, dass Gottesliebe, Nächstenliebe und auch Selbstliebe wesentlich zusammengehören. Die Königsdisziplin ist freilich die Gottesliebe, allerdings dicht gefolgt von der Nächstenliebe und der Selbstliebe, die wie ein unzertrennliches Geschwisterpaar aufeinander bezogen sind. Wenn ich mir als Mensch bewusst bin, dass ich von Gott reich beschenkt und geliebt bin, kann ich mich selber annehmen und lieben, wie ich bin. Aus diesem Bewusstsein heraus wird es mir leichter fallen, meine Lebenskraft, ein gutes Wort, ein offenes Ohr, eine gute Tat meinen Mitmenschen zu schenken.
Vor Gott sind wir wie Königskinder, die berufen sind, von seinen Gnadengaben zu leben und diese beständig an unsere Mitmenschen weiterzugeben.





